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Zeitungsartikel über die Zerstörung des deutschen Dampfers im Hafen von Liuli

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Der Ort Liuli

Kurze Geschichte

Von 1885 bis 1918 gehörte das heutige Tansania zur deutschen Kolonie "Deutsch-Ostafrika".

Der Ort Liuli wurde 1890 von deutschen Missionaren am Ost-Ufer des Lake Nyasa gegründet und hieß damals noch Sphinxhafen. Er erhielt seinen Namen von einer bizarren Felsformation oberhalb des Hafens, die an einen Sphinx erinnerte.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges kam es am Sphinxhafen zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Vereinigten Königreich und dem deutschen Kaiserreich, an deren Ende der deutsche Dampfer Hermann von Wissmann im Sphinxhafen zerstört wurde. Bei den Kämpfen verloren auch unzählige Afrikaner ihr Leben, entweder als Soldaten für die verschiedenen beteiligten Parteien, durch Hungersnöte oder Jahre später an den Folgen der spanischen Grippe.

Der Ort war seit dem Ende des Ersten Weltkrieges, als der größere Teil des deutschen Kolonialgebietes als Mandatsgebiet an Großbritannien übertragen wurde, unter britischer Verwaltung.

Ab 1962 war das heutige Festland Tansania und damit auch Liuli unabhängig als Republik Tanganjika. Schon zwei Jahren darauf, am 26. April 1964, wurde Tanganjika, vereinigt mit dem Inselstaat Sansibar zur "Vereinigten Republik von Tansania".

Dampfer Hermann von Wissmann im Hafen von Liuli (um 1900)

Heute

Die Nachwirkungen der Kolonialzeit sind bis heute zu spüren. Wie die meisten afrikanischen Länder, die einst unter einer europäischen Kolonialmacht standen, kämpft auch Tansania noch heute mit den wirtschaftlichen und sozioökonomischen Folgen.

Bis heute muss das Land zum Großteil von Entwicklungshilfe der Industrienationen leben.

Ein wenig Tourismus gibt es im Norden des Landes, am Berg Kilimandscharo und in den Safari-Parks im Landesinneren.

 

Im Süd-Westen jedoch gibt es faktisch gar keinen Tourismus.

oben: Piste nach Liuli und Liuli-Ortszentrum unten: Teke´s kleine Kneipe

In Liuli leben heute etwa 3.000 Menschen. Im Umkreis von 100 km, vor allem am Ufer des See Nyassa, insgesamt etwa 200.000 Menschen.

Erreicht werden kann die Region entweder per Geländewagen oder Bus, oder über den See Nyassa mit der Fähre. Bis zum Ort Songea, etwa 120 km entfernt, gibt es nur eine Staubpiste mit vielen Schlaglöchern.

Die Mehrheit der Menschen in der Region Liuli lebt von den Erträgen einer eigenen, kleinen Landwirtschaft hinter dem Haus. Vor allem Kassava, ein Wurzelgemüse ähnlich Schwarzwurzeln, bildet die Nahrungsgrundlage.

Liuli besitzt einen kleinen Tante-Emma-Laden, eine Kneipe (ohne Kühlschrank), eine Fahrradwerkstatt, Apotheke, Straßen-Bäckerei, Nähstube und einige andere kleinere und größere Geschäfte.

Auf einem kleinen Markt gibt es täglich frischen Fisch aus dem See Nyassa, exotische Früchte und Gemüse.

Das Leben beginnt sehr früh am morgen. Da es keinerlei Landmaschinen gibt, werden die Felder mit Muskelkraft bestellt. Der Arbeitstag endet meist sehr spät am Abend.

 

Mag das tägliche Leben hier auf den ersten Blick noch so idyllisch erscheinen, die Armut und die Probleme vor Ort sind groß. Die meisten Menschen haben im Schnitt weniger als 1,25$ pro Tag zum Leben, was laut Weltbank absolute Armut bedeutet.

Zum Glück garantiert der See eine recht gute Ernährung und Trinkwasser. Allerdings sind die Fischer auf ihren kleinen Holzbooten sehr vom Wetter abhängig. Bei starkem Regen oder Sturm können Sie den See nicht befahren und der Nachschub an Fisch pausiert für einige Zeit.

Die meisten Familien haben ein Haus aus Lehmziegeln, welche in einer kleinen Ziegelei im Ort hergestellt und luftgetrocknet werden.

Auf kleinem Raum leben mehrere Generationen zusammen.

Die jungen Familen-Mitglieder versorgen die Alten mit. Eine Renten- versicherung gibt es nicht.

Solange die Familie groß genug ist, ist dies alles kein Problem. Leider kommt es vor, dass gerade junge Leute durch Unfall oder Krankheit ernsthaften Schaden nehmen oder sogar sterben.

oben: Der See Nyasa, unten: Ein typisches Haus mit Feld in Liuli

Sofia Wabu in ihrer kleinen Lehmhütte

 

Für alte Menschen, die alleine stehen ist das Leben besonders schwer.

Sophia Wabu ist ein solcher Mensch.

Die alte Frau hat schon vor langer Zeit ihren Mann verloren. Erst vor wenigen Monaten sind auch ihre beiden Söhne an AIDS verstorben.

Seitdem kämpft die Frau allein um ihre tägliche Existenz. Durch Nachbarschaftshilfe hält sie sich über Wasser.

Die alte Hütte, in der sie gelebt hat, ist bei einem Unwetter zusammen- gestürzt. Der provisorische Ersatz (links) ist ebenfalls kaum in der Lage die kommende Regenzeit zu überstehen.

Zudem bietet das Haus keinen richtigen Schutz vor Schlangen, die sich gerne hinein schleichen und sich in Stoffen verstecken. Frau Wabu muss daher sehr vorsichtig sein, wenn sie zu Bett geht.

Strom und elektrisches Licht gibt es nicht. Wasser muss die alte Frau von weit her herantragen. Es gibt nur wenige Wasserhähne im Ort, die für alle zugänglich sind.

Diese Geschichte steht exemplarisch für das Schicksal vieler Menschen in Liuli.

Gesundheitsversorgung

Auch in Liuli werden zum einen die gesundheitlichen Sorgen mit dem Alter größer, andererseits brauchen viele Kinder und junge Menschen bei Infektionskrankheiten oder Unfall medizinische Hilfe.

Das Krankenhaus St. Anne`s ist das einzige Krankenhaus im Umkreis von 100 km und bietet eine einfache Grundversorgung bei Infektionskrankheiten und Unfällen. Jedoch sind die Mittel und Möglichkeiten noch sehr beschränkt und stehen extrem hinter moderner westlicher Medizin zurück.

Patienten müssen einen sehr kleinen, eher symbolischen Betrag für eine Behandlung entrichten. Da häufig aber das Geld für eine Behandlung im St. Anne`s Krankenhaus fehlt, suchen viele Menschen die sehr populären Wunderdoktoren auf, die ein wenig günstiger sind. Diese betreiben eine Mischung aus Kräutermedizin und Zauberei. Auch wenn häufig eine Besserung eintritt gibt es doch Krankheitsbilder, die ein schnelles schulmedizinisches Handeln unbedingt erfordern.

Gibt es zum Beispiel einen Geburtsstillstand, wenden jene Wunderdoktoren Kräuter an, so dass sich die Gebärmutter zusammenzieht. Dies kann eine Geburt vorantreiben. Ist das Becken der Mutter aber zu klein ist, kann das Kind nicht geboren werden und die Wirkung der Kräuter kann die Gebärmutter reißen lassen. Dies kann zu schweren inneren Blutungen führen und somit das Leben der Mutter und des Kindes bedrohen. Ein Kaiserschnitt ist in so einem Fall das einzig rettende Mittel. Ist die Schwangere aber weit vom Krankenhaus entfernt, kann sie dieses nicht rechtzeitig erreichen. Häufig endet dies mit dem Tod der Mutter und des Kindes.

 

 

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